Auguste Pauline GANTZE - LEWINSOHN


 

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Auguste GANTZE-LEWINSOHN 1868 - 1957

 

 

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Mein Lebenslauf.

 Ich wurde am 1. April 1868 in Copitz bei der Elbe geboren. Im Jahr 1882 verliess ich die Schule und ging zwei Jahre in die Landwirtschaft und daraufhin zwei Jahre nach Dresden in einem Haushalt. Mit 18 Jahren ging ich in die Zigarrenindustrie und trat gleichzeitig in die Gewerkschaft ein. Mit 21 Jahren 1890 verheiratete ich mich. Nach dem Sozialistengesetz, das 1891 aufgehoben wurde, trat ich illegal in die Partei ein jedoch durften die Frauen offiziell nicht beitreten. Daraufhin gründeten wir ein Frauenverein dessen Vorstand ich angehörte. Der Sitz war Salka Gasthaus, Dresden Brüdergasse. Im Jahr 1892 wurde dieser Frauenverein aufgelöst und alle Frauen mussten zur Partei. Wir haben dann regelmässig Frauenzusammenkünfte in denen über Frauen und Berufsfragen gesprochen wurde, abgehalten. 1896 wurde ich von den Frauen zum internationalen Parteitag nach Stuttgart geschickt.
Nachdem ich ein neues Gewerbe erlernt hatte, habe ich mich selbstständig gemacht und ein Ladengeschäft eröffnet, doch ich habe trotzdem meine Parteipflichten weiterhin erfüllt. Ich wurde mehrmals als Vorsitzende gewählt, Spartakus habe ich auch angehört. Später hin wurde die Kinderschutzkommission gegründet und von jedem der 2 Kreise wurden je drei Frauen gewählt, ich wieder als Vorsitzende (darüber ein bessere Bericht ).
Während meiner Ehe hatte ich in sieben Jahren sechs Kinder davon vier Jungs am Leben, zwei sterben im Alter von siebeneinhalb Monaten im Jahr 1923 starb meine lieber Mann. Meine Söhne waren inzwischen zu Männern herangewachsen und haben mich in der grossen Inflation  reichlich unterstützt. Sie waren alle verheiratet. Als ich dann ganz alleine war, meldete ich mich zu einem Kursus in der sozialen Frauenschule unter der Leitung von Lotte Schurig. Nachdem habe ich mit in der internationalen Arbeitshilfe gearbeitet. Mir fiel dort die Aufgaben zu, die kranken und schwächlichen Kinder von Sachsen zu betreuen.
Der Arbeiterhilfe wurde in Gottleuba  ein Haus zur Verfügung gestellt, in welchem alle vier Wochen andere Kinder untergebracht wurden, es befanden sich dort ein Junglehrer und die Genossin Sparschuh, die im Heim die Kinder betreute. Ich hatte nur die Auslese und den Transport der Kinder nach dem Heim und zurück zu übernehmen, doch gab es auch dabei allerhand Schwierigkeiten zu überwinden.
Nachdem gründeten wir zwei Küchen um für die Arbeitslosen zu kochen eine befand sich in der Dresdner Alle, in der Mittelstrasse die andere in der

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Dresdner Neustadt in der Hechtstrasse. Für jede Küche wurden zwei zuverlässige Genossinnen eingestellt, die andere Arbeit erledigt ich mit dem Genossen Schrabel. Dann kam der erste Weltkrieg auch da wurde ich wieder mit herangezogen, aber nicht um den Krieg zu verlängern, sondern ich habe Rat und Hilfe suchenden Frauen immer tatkräftig zur Seite gestanden, soweit es in meinen Kräften stand. Das werden wohl auch heute noch Frauen bestätigen können.
Als jedoch meinen Sohn Erich wegen staatsfeindlichen Hochverrat zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, habe ich meine sämtlichen Ämter niedergelegt. Später holten mich dann die Sozialdemokraten wieder in einen Führungsbezirk als Helferin.
 Dann kam die Nazi Regierung, wo ich wieder erledigt war. Da ich einen jüdischen Namen trage, war ich für sie erledigt. Und dann begann der letzte Krieg.
 Ich war auch Mitbegründerin der Arbeiter Sanitäts Kolonne unter der Führung des Doktor Cohn, der ich lange Jahre angehört habe.
Nicht zu vergessen sind meine und meiner Söhne lange Gefängnis und Zuchthausstrafen. Ich wurde das erste Mal 1918, vom Arbeiter-Soldatenrat verhaftet, da ich mit in der Regierung sass. Wir beerdigen einen Matrosen auf dem Löbtauer Friedhof, legten an dem gleichen Tag unsere Ämter nieder im Landtag und gaben einen Handzettel heraus mit der Begründung warum wir ausgetreten waren.
Man schaffte mich in den Landtag ich wurde aber gleich wieder entlassen. Da ich aber durch meine Einstellung in der SPD bekannt war, wurde ich bei der NEURING- Affäre sofort wieder von der SPD in die Haft genommen. ( es wurden ungefähr 25 Personen verhaftet). Ich und Frau Minna Neumann sollten aber die Hauptschuldigen gewesen sein und Neuring in die Elbe geworfen haben. Der Untersuchungsrichter erklärte uns, dass er uns alle sofort entlassen können aber die Militärgewalt hielt uns noch fest. Trotz meiner Zeugenangaben musste ich fünf Wochen sitzen und auch meine Söhne wurden verfolgt und verhaftet. Das war der Kriegsminister Kirchhof (früher Schneider-Geselle!). Mein Sohn Erich wurde 1917 wegen Landesverrat zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, aber 1918 bei Kriegsende entlassen. Damals waren es lauter Jugendliche, nur Vater Hönig 70 Jahre alt, als Drucker des Flugblattes, dass die Jungend verbreitet hatten, musste mit ins Zuchthaus.

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Als dann die Nazis an die Regierung kamen, ging es wieder von neuem los. Mein Sohn Erich wurde sofort verhaftet, auch seine Ehefrau war mehrere Wochen in Haft, sie kam aber bald wieder heraus, nachdem die Wohnung vollständig auf den Kopf gestellt worden war. Es waren zwei schulpflichtige Kinder da, denen die Nazis ihre wenigen Sparpfennige auch noch genommen haben. Der Vater der Kinder, mein Sohn Erich, ist nun mehr nach zwölf Jahren erst entlassen worden. Nachdem wir ein Schreiben nach dem anderen um Freigabe abgeschickt haben, wurde uns erklärt, dass er erst bei Kriegsende freigelassen würde und so war's auch.
1934 wurde ich abermals verhaftet und zwar wegen Landesverrat. Ich hatte einige Male zehn Pfennig für hungrige Kinder gegeben und auch zweimal eine kommunistische Zeitung gekauft. Mit diesem Geld sollte ich beabsichtigen, eine neue Partei aufzubauen.

Ich kam nach zehn Monaten nach Freiberg vor das Sondergericht und wurde zu zehn Monaten verurteilt. Meine Rechtsanwältin wollte mir

mir durchaus einreden, ich solle es nur gestehen, ich habe ihr aber erklärt, dass man so keinen KampfesPartei aufbaue.
Für mich drehe es sich nur um die hungernden Kinder, deren Väter im Gefängnis sitzen und deren Mütter für die Kinder nichts zu essen haben. Wenn zehn Genossen je zehn Pfennig zahlen, könne die Mutter schon etwas zu essen für die Kinder herrichten.
Auch vor dem Sondergericht waren wir 17 Genossen, eine Genossin musst du noch vier Wochen länger bleiben, wir haben sie alle bedauert. Nun sitze ich als 78-jährige Frau zu Hause und warte auf meine Söhne. Einer ist ja da, je einer befindet sich noch in Berlin, Spanien und Schweden. Ich hoffe auf ein baldiges gesundes Wiedersehen mit meinen Kindern.

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Hermann Duncker (Publizist, seit 1893 SPD-Mitglied) im Gespräch mit
Auguste Lewinsohn (Politikerin und Landtagsabgeordnete), 1957

Kopiert von http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/70602800

 

Lewinsohn, Auguste (* 1. 4. 1868 -  † 11. 11. 1957)

(1. April 1868 Pirna-Copitz - 1957 Dresden)

Auguste Lewinsohn, geb. Gantze, war Politikerin. Die Tochter eines Elbschiffers verdiente ihr Brot zunächst als Landarbeiterin, Arbeiterin in der Zellulosefabrik Heidenau, Dienstmädchen in Dresden und schließlich Zigarrenwicklerin in der Zigarrenfabrik Uhlemann, Alaunstraße 18. Sie gründete mit ihren Kollegen eine Zweigstelle des Tabakarbeiterverbandes in Dresden. Nach ihrer Heirat mit dem Buchhändler Salomon Lewinsohn traten sie gemeinsam der illegalen SPD bei, organisierten Streiks und Demonstrationen gegen Kinderarbeit, Hunger und Lebensmittelteuerung. 1890 war sie Mitglied im Vorstand des Frauenvereins der SPD. Sie setzte sich für Erwerbsarbeit von Frauen und ihre Teilnahme am politischen Leben ein. Das Ehepaar hatte vier Söhne. Auguste Lewinsohn wohnte in der Görlitzer Straße 23, wurde oft besucht von Clara Zetkin und Käte Duncker. 1907 war sie Delegierte des sächsischen Frauen (gegen den Willen der männlichen Parteiführung) zum Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart. Dort erfolgte ihr Eintritt in den Spartakusbund. Sie unterstützte den Jugendbildungsverein (gegr. 1908) gegen Angriffe der Partei- und Gewerkschaftsführung, gründete innerhalb der SPD eine Kinderschutzkommission für Sachsen und stand ihr vor. 1918 wurde sie in den Landtag gewählt, enttäuscht über die SPD-Politik, legte sie ihre Ämter nieder und trat in die KPD ein. Sie gründete zusammen mit Dr. Kohn die Arbeitersanitätskolonnen. Nach 1923 organisierte sie zusammen mit Liesel Sparschuh im Rahmen der Internationalen Arbeiterhilfe Erholungen für arme und kranke Kinder in Gottleuba. Sie organisierte Suppenküchen in der Altstadt und auf der Hechtstraße. 1923 starb ihr Mann. In der NS-Zeit verteilte sie Flugblätter und sammelte Geld für die Angehörigen politischer Häftlinge, unterlag der Beobachtung durch die Gestapo und mehreren Haussuchungen. 1934 wurde sie verhaftet und blieb zehn Monate in Untersuchungshaft. 1947 saß sie beim Gründungskongress des DFD im Ehrenpräsidium. Sie war Trägerin der Clara-Zetkin-Medaille.
Literatur

  • OTTE, Rolf: Sie mögen alle Hunde hetzen...Die Dresdner Arbeiterjugend im Kampf gegen das Reichsvereinsgesetz und den ersten Weltkrieg (1906 - 1918). Schriftenreihe: Beiträge zur Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung, Heft 1, hrsg. vom Museum für Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung im Auftrag der Stadtkommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der SED-Stadtleitung Dresden anläßlich des 50. Jahrestages der Gründung des "Jugendbildungsvereins der Dresdner Arbeiterschaft" als Leseheft für die Zirkel Junger Sozialisten, Dresden 1958
  • LEWINSOHN, Erich: Haussuchungen bei "Mutter Auguste", in: Unter der Fahne der Revolution. Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg. Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD in Dresden (1914 - 1919), Schriftenreihe zur Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung, Heft 5, hrsg. vom Museum für Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung, Dresden 1959, S. 69
  • DÖRRER, Horst und MARSCHNER, Wolfgang: Rätemacht oder bürgerliche Nationalversammlung (Mitte November 19118 bis Mitte Januar 1919) - "Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!", in: Zur Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung des Bezirkes Dresden, Heft 7: Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD in Ostsachsen, hrsg. von der Bezirksleitung Dresden der SED/Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung und dem Zentrum für Territorialgeschichte/Geschichte der Arbeiterbewegung an der TU Dresden, Dresden 1988
  • GIESECKE, Una: und IGEL, Jayne-Ann: Von Maria bis Mary. Frauengeschichten aus der Dresdner Neustadt, Dresden 1998
  • Blauer Dunst und Rote Fahnen: ökonomische, soziale, politische und ideologische Entwicklung der Bremer Zigarrenarbeiterschaft im 19. Jahrhundert. Von Dagmar Burgdorf
  • Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands von Clara Zetkin

kopiert von www.stadtwikidd.de/wiki/Auguste_Lewinsohn

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Neues Deutschland, Mi. 13. November 1957, Jahrgang 12 / Ausgabe 269 / Seite 2

 

 

 

 

 

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